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Etikettenschwindel im Supermarkt – wundersame Weinvermehrung

Posted by Bernd Klingenbrunn - Mittwoch, 17 September 2008

16. September 2008 Es ist kein guter Tag für den Weinhändler Stefan S. Beinahe wäre ihm beim Frühstück sein Cornetto in den Latte macchiato geplumpst, als er die Zeitung aufschlägt und über die ganzseitige Anzeige „Aldi informiert“ stolpert. Zwischen Rotationsrasierern und Jeanshosen lacht ihn da sein „Naumachos“ an, ein 2004er Rosso Piceno Superiore DOC. Vom bedeutenden Weinguide „Gambero Rosso“ hat dieser Wein die Auszeichnung „Zwei Gläser“ erhalten und war sogar in der Finaldegustation, bei der Kür zur Höchstnote „Drei Gläser“.

Dort fällen die einflussreichsten Weinkritiker Italiens, Gigi Piumatti von der Slow-Food-Bewegung und Daniele Cernilli vom Verlag „Gambero Rosso“, ihre Urteile höchstpersönlich. Mit diesem Gütesiegel wirbt nun also Aldi für sein Aktionsangebot vom 4. September. Unser Weinhändler traut seinen Augen nicht: „Spitzenweine in bester Fachhandelsqualität!“, muss er dort lesen. Aldi bietet den „Naumachos“ für 6,99 Euro je Flasche an – bei ihm im Laden kostet er 9,80 Euro. Bei drei Euro Unterschied geht aber auch der treueste Stammkunde fremd. Stefan S. holt tief Luft und greift zum Telefon.

Aus 4000 werden 50.000 Flaschen

Von Giovanni Carminucci, dem Erzeuger des Weines, erfährt er, dass der Winzer selbst nicht weiß, dass sein Wein bei Aldi verkauft wird. Allerdings sei Carminucci Anfang 2008 von einem Gastronomen aus Essen wegen des „Naumachos“ angesprochen worden. Doch die 4000 Flaschen, die er vom ausgezeichneten Jahrgang 2004 noch verfügbar hatte, reichten nicht – der Gastronom wollte nämlich 50.000 Flaschen. Und so scheint Carminucci in seiner großen Kellerei in Grottamare irgendeinen wundersamen Weg der Weinvermehrung gefunden zu haben: Die 50.000 Flaschen wurden mit dem gleichen Etikett wie der Fachhandelswein ausgestattet und schließlich für je 3,50 Euro an Aldi geliefert.

Die Geschichte kam uns bekannt vor; schon vor sechs Jahren haben wir die Fährte von gefälschten Discount-Weinen aus Italien aufgenommen. Eine Spur führte uns damals zu Prosecco DOC, den es bei Aldi für 1,99 Euro gab. Das war weniger als der Durchschnittspreis für die Fassware im Prosecco-DOC-Gebiet, der bei mehr als 2,50 Euro lag. Wie sich herausstellte, hatte der Abfüller die dürftigen Weine in einer ehemaligen Hühnerfarm bei Valdobbiadene zusammengepanscht.

Trotzdem fanden sie beim Mastersommelier Frank Kämmer Zustimmung, der sie in seinem Buch „Aldidente Vino“ blumig anpries: „Frischer Duft nach Kamillenblüte und reifen Äpfeln . . . sauber gemacht.“ Auch solche Publikationen tragen ihren Teil zum sagenhaften Ruf der Aldi-Weine bei und sorgen dafür, dass die deutschen Haushalte laut „Wein und Markt“ rund ein Fünftel ihres Weinbedarfs bei Aldi Nord und Süd decken.

Der Abfüller des betreffenden Prosecco DOC, Cesare Grossi, wurde 2002 in Treviso zu achteinhalb Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er gestand, zwischen 1999 und 2000 rund 2,5 Millionen Liter Wein gepanscht zu haben. Es wird Grossis persönliches Geheimnis bleiben, wie viele Flaschen gefälschten Proseccos davon tatsächlich an Aldi geliefert wurden, denn durch sein Geständnis kam er ohne Schadensersatzforderungen davon. Die andere Spur führte uns zu dem Produzenten Castellani aus Pontedera in der Toskana. Sein Chianti verlor seinen angestammten Regalplatz bei Aldi Süd, weil die Zweifel an der Echtheit des Rotweins nicht ausgeräumt werden konnten. Die Ermittlungen gegen Castellani wegen Verdachts auf Weinfälschung führten jedoch nie zu einem Verfahren gegen ihn. Womöglich nicht zuletzt wegen Castellanis erstklassiger Kontakte zu einem der einflussreichsten Advokaten Italiens, Tullio Padovani.

Weinfälscher werden selten gerichtlich belangt. Was aber erhält der Konsument? Im Falle des „Naumachos“ ist es eine originalgetreu ausgestattete Flasche, inklusive Zwei-Gläser-Zertifikat. Doch der Inhalt fiel bei der Laboranalyse im „Weinlabor Vogel“ durch. Önologe Werner Vogel stellt in einer Vergleichsanalyse zwischen dem Aldi-“Naumachos“ mit der Lot-Nr. L-08198 und einem „Naumachos“ aus dem Fachhandel fest: „L-08198 (der Aldi-Wein) unterscheidet sich sowohl analytisch als auch sensorisch von den beiden anderen Mustern (den Fachhandelsqualitäten).“ Persönlich würde Vogel, der vom Hintergrund unserer Recherche nichts wusste, den „Naumachos“ aus dem Fachhandel eindeutig vorziehen.

Wie nasse Pappe und gekochte Erdbeeren

Zum gleichen Ergebnis führte eine Blindprobe des „Naumachos“, in der drei verschiedene Aldi-Abfüllungen zusammen mit der Fachhandelsqualität verdeckt verkostet wurden. Der Original-„Naumachos“ stammte vom Weinhändler S. und wurde der Lobeshymne des Weinguides gerecht: „Dunkel und kompakt, lässt er es mit seinem balsamisch verhangenen Bukett nicht an Frische mangeln, und auch die bekannte Montepulciano-Kraft durchpulst seinen intensiven Geschmack, in dem sich das Tannin seinen Biss bewahrt hat.“

Der Wein von Aldi Süd aber ließ jegliche Andeutung balsamischer Noten, voller Fruchtigkeit und Frische missen. Zudem wiesen die drei verschiedenen Lot-Nummern der Aldi-Weine große geschmackliche Schwankungen auf. Ihr Aroma erinnerte an nasse Pappe und gekochte Erdbeeren oder Kirschen. So etwas hätte es nicht einmal in die Vorausscheidung des „Gambero Rosso“ geschafft, wie wir aufgrund unserer Erfahrungen wissen: 2003 sind wir von Daniele Cernilli und Gigi Piumatti eingeladen worden, an einer Finaldegustation der Drei-Gläser-Kandidaten teilzunehmen.

Schaden für seriöse Weinbaugebiete

Die Discounter berufen sich auf die „korrekte“ Ausstattung der Flaschen und die „korrekten“ Papiere der Weine, ohne die wundersame Weinvermehrung der raren Zwei-Gläser-Weine zu hinterfragen. Großen Schaden tragen vor allem jene Weinbaugebiete davon, deren mühsam erworbene Seriosität unterminiert wird. Und auch der Ruf des anerkannten Weinguides „Gambero Rosso“ erleidet einen Kollateralschaden, denn wenn seine Zertifikate offenbar zu Fälschungszwecken so leicht missbraucht werden können, löst das eine echte Glaubwürdigkeitskrise aus.

Dann wäre da aber noch der Importeur des „Naumachos“. Der Mann ist hauptberuflich Gastronom und Inhaber des italienischen Restaurants „La Grappa“ in Essen. Vom Restaurantführer „Gault Millau“ wird er folgendermaßen beschrieben: „Rino Frattesi entspricht voll und ganz dem Klischee des mächtigen sizilianischen Padrone.“ Seit vier Jahren liefert Frattesi, dessen Weinkarte auf der Fachmesse „Vinitaly“ 2005 als beste der Welt ausgezeichnet wurde, Aktionsware an große Ketten. Als wir ihn am Telefon mit unseren Rechercheergebnissen konfrontieren, unternimmt er nicht einmal den Versuch, unsere Argumente zu entkräften. Stattdessen bittet er uns am Telefon inständig, die Sache nicht zu publizieren.

Die Alarmglocken hätten schrillen müssen

Bei Aldi Süd in Mülheim an der Ruhr gab man uns am 12. September folgende Stellungnahme zum Sachverhalt: „…wir teilen Ihnen mit, dass uns Erklärungen unseres italienischen Lieferanten vorliegen, welche die Echtheit des bei uns angebotenen Weines Rosso Piceno („Naumachos“) bestätigen. Wir sind Ihnen jedoch für die Hinweise bezüglich der Unstimmigkeiten dankbar und versichern Ihnen, dass wir diese mit größter Sorgfalt prüfen werden. Sollten sich Ihre Vorwürfe bezüglich der nicht vereinbarungsgemäßen Lieferung an Aldi Süd bestätigen, stellt dies eine Vertragsverletzung Aldi Süd gegenüber dar, die wir mit aller Entschiedenheit verfolgen werden.“

Bleibt die Frage, warum sich ein Gigant wie Aldi überhaupt mit Importeuren einlässt, die die notwendige Seriosität vermissen lassen. Denn offenbar verfügen selbst marktdominierende Handelsfirmen wie diese nicht in jedem Fall über die Möglichkeit, die Qualität zum Schutze des eigenen Unternehmens und der eigenen Kunden sicherzustellen. Tragisch ist, dass gerade Weine gehobener Qualität von Manipulationen betroffen sind. Denn Aldi beispielsweise arbeitet an einer strategischen Aufwertung seines Weinsegmentes. Das degustatorische Controlling übernimmt dabei die Firma „CaveCo“ in Essen, und zwar unter Leitung des Weltmeister-Sommeliers Markus del Monego.

Dort wird der Großteil der Aldi-Weine sensorisch getestet und bewertet. So auch der „Naumachos“, allerdings nur ein Muster der abgefüllten Weine, nicht aber alle Lot-Nummern. Markus del Monego bedankte sich am Freitag auf Nachfrage für unseren „Super-Hinweis“ auf diese Lücke in seiner Qualitätssicherung. Merkwürdig ist, dass sie überhaupt besteht. Auch del Monego hatte den „Naumachos“ zuerst am 19. März 2008 verkostet, als „empfehlenswert“ eingestuft und mit 13,75 von 20 Punkten bewertet. Diese Note aber entspricht nicht einmal einer Ein-Glas-Qualität des „Gambero Rosso“. Spätestens an diesem Punkt hätten die Alarmglocken läuten müssen. Lot Nr. 08198 wurde von ihm am 9. September 2008 verkostet und schließlich als „verkehrsfähig“ eingestuft. „Verkehrsfähig“ – was für ein Urteil für einen angeblichen Zwei-Gläser-Wein . . .

Text: Cornelius und Fabian Lange aus der F.A.S. vom 14. September 2008
Bildmaterial: agata skowronek

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2 Antworten to “Etikettenschwindel im Supermarkt – wundersame Weinvermehrung”

  1. […] [via und via] […]

  2. Lügen & Betrug Ciao Rino Frattesi

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