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Toskana 2007: Besuch Weingut Az. Agr. Panzanello

Posted by Bernd Klingenbrunn - Sonntag, 28 Oktober 2007

Samstag ist Markttag in Greve. Da gibts neben Obst und Gemüse, Käse und Wurst, Fisch und Fleisch, Blumen und Spielzeug, Unterhosen für Männlein und Weiblein -mal knapper, mal in Zeltform – alles zu kaufen.

Ein Muss war immer ein Porchetta (Spanferkel) – brötchen an einem bestimmten Stand. Ein kleiner, älterer Herr, der das wohl schon einige Jahre machte, denn er mußte sich zum Aufschneiden nicht mehr bücken, so hatte sich sein Rücken verformt, hatte das frischeste und schmackhafteste von allen. Man konnte wählen zwischen einem fetten („manzo grasso“) oder magereren („magro“) Stück mit Kräutern wie Rosmarin, der Anzahl von Knoblauchzehen, Sale (Salz) und einer Crosta (Kruste), die nur so gut gelang, wenn das Spanferkel über Holzkohle gegrillt wurde. Das alles zusammen in ein frisch aufgeschnittenes toskanisches, ungesalzenes Brötchen und der Samstag vormittag war etwas besonderes.

Nun, Giovanni, so nannten wir ihn immer, gibts nicht mehr. Was mit ihm geschehen ist, kann man nur vermuten. Nun, er war alt, und die Tochter hatte wohl auch andere Lebensziele, als jahrelang Porchetta zu verkaufen. Schade, wieder eine Institution weniger…

Hier ein Bild vom Meister:
porchetta.jpg

Der Markt in Greve ist ohne Giovanni mit seinem kleinen Porchetta-Stand nicht mehr der alte. Schade – aber dennoch kaufen wir zwei Porchetta-Brötchen, denn natürlich gibt es einen großen Wagen mit Porchetta vom Spiess und die Schlange ist lang.

An der Bäckerei auf der Piazza, wo einem schon von weit her der Duft entgegenströmt, stellen wir uns auch in die Schlange und kaufen Brot für die Heimfahrt – und bei Falorni natürlich Finocchiona, Salami von Cinta-Schwein und Lardo. Wir besuchen auch das Weinbaumuseum und die große Enoteca mit Probier-Zapfanlage diverser Weingüter – und probieren einen 1995 Chianti Classico Castel’ in Villa Riserva. Hätten wir vielleicht gestern abend im gutseigenen Restaurant doch lieber etwas mehr für diesen Hochgenuss investiert ???. Ja, wir hätten mal sollen…

Den Rest der 10 Euro Wertkarte „verprassen“ wir mit Ornellaia und Sassicaia – ob sie es es wert sind, ist 110 Euro pro Flasche zu kosten? Egal, toll, dass es solche Einrichtungen gibt, diese Geschäftsidee sollte man sich in Deutschland ……

Um 15:00 Uhr haben wir uns mit Luciano Saccone auf Panzanello verabredet, etwa 10 Autominuten außerhalb von Panzano gelegen – bis dahin ist noch etwas Zeit und wir probieren noch ein paar Weine an Ständen von Weingütern des Weinfestes in Panzano, die wir gestern außen vor gelassen haben. Erstaunlich, vor Jahren haben mir die Weine von Carobbio gefallen, jetzt gehen sie nicht an mich ran. Noch immer haben wir nichts besseres getrunken als Le Fonti….

Da wir auf dem Weingut Panzanello etwas zu früh dran sind, zeigt uns Madame Sommaruga, die Besitzerin, die im März 2007 fertig gestellten Ferienwohnungen – wunderhübsch eingerichtet – sehr großzügig vom Platz her, Wlan (wichtig für Geschäftsreisende;-) und auch entsprechend ambitioniert. 150,- Euro für 2 Personen bis 200,- Euro für bis zu 6 Personen: pro Nacht!

Dann kommt Mr. Saccone auf seinem Motorrad angebraust und wir probieren alle Weine noch einmal nach.
Insgesamt werden 80.000 Fl. Wein produziert, davon 35.000 Fl. Chianti Classico (alle zu 100% aus Sangiovese).

Über die “Stern-Weinschule” wurden vom 2004er Jahrgang 16.000 Flaschen verkauft, damit knapp die Hälfte der Jahresproduktion. Recht gefährlich für ein Weingut, sich so an einen Großkunden zu binden, aber eine Chance für uns….

2005er Chianti Classico DOCG ab Hof ausverkauft!
100% Sangiovese
ordentliche Farbe, nicht zu dunkel, lang, weich, würzig, strukturiert. Guter Trinkfaktor, gut, aber einen Tick zu teuer im Vergleich mit den bisherigen Abhofpreisen anderer Anbieter

2003 Chianti Classico Riserva DOCG
100% Sangiovese
5 Sterne im Dekanter, 88 Punkte im WineSpectator
würzig, cremig, dicht und lang, Marzipan, Früchte, straff, weich und intensiv. Sehr trinkig. Im Vergleich zur Annata wieder als günstig zu bezeichen, dennoch etwas über den Abhof-Preisen bei Mitbewerbern.

2003 Il Manuzio IGT
100% Sangiovese
Goldmedaille in Brüssel, 90 Punkte Wine Spectator, 2 Gläser Gambero Rosso
Noch dichter und straff, kräftig elegant, fruchtig, geschmeidig, keine überreifen Töne!

Grappa Panzanello, rosa 29,- Euro ab Hof (0,5l)
Etwa 4 Monate ausgebaut in einem Barrique-Fass, in dem zuvor 22 Monate lang der Il Manuzio lag. Mit 38% Vol ein Mädchen-grappa, will sagen, recht weich, fruchtig und rund. Wirkt visuell durch die rosa Farbe und wird entsprechend rasend verkauft, was den ein oder anderen Händler in Greve zu unseriösen Kalkulationen verleitet!

2005er Le Piazzola IGT
Ebenfalls 100% Sangiovese, im Stahltank ausgebaut. Sehr fruchtig und frisch, etwas pfeffrig. Angenehmer Wein.

Fazit:

Zuerst einmal ein Lob an Luciano Saccone. Ein sehr liebenswerter Mensch, natürlich Abschlußorientiert, aber niemals drängend. 2 Wochen nachdem ich wieder in Frankfurt war, besuchte er uns im Laden. Ob wir hier ins Geschäft kommen, kann ich noch nicht sagen, zuviele Faktoren sind zu beachten, natürlich auch der Preis und da liegt im Moment der Hase begraben…

Hier noch einige Impressionen vom Weingut, derzeit wird direkt gegenüber des Verwaltungstraktes eine neue Kellerei gebaut, sogar am Samstag wurde der Hammer geschwungen.
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Das waren unsere Reise. Mal wieder verging diese Woche viel zu schnell. Wir haben wieder vieles genossen. Allen voran die Liebenswürdigkeit der Menschen, egal ob in der Unterkunft, beim Metzger oder Bäcker, beim Mechanico oder beim Verkaufsleiter. Alles geht hier etwas gemächlicher und ruhiger, die Menschen haben Zeit. Zeit für ein Schwatz, wo auch immer, Zeit, einem dahergelaufenen Weinhändler 2 Stunden dieser kostbarsten Minuten zu opfern. Auch wir haben es genossen, uns mit Menschen unterschiedlichster Coleur und Standes zu unterhalten. Vom Kollegen in der Weinhandlung bis zum Weingutsbesitzer oder Küchenchef. Dennoch liegt ein kleiner Wermustropfen auf dieser Reise.

Vieles wirkt auf mich sehr überkandidelt. Es wird etwas versucht, was eigentlich nicht notwendig ist. Teller-Ikebana statt heimatverbundener, ehrlicher Küche. Viele Restaurantbesitzer orientieren sich an ihrer Klientel, statt das anzubieten, was die Gegend hergibt. Die ehrliche, einfache, rustikale Bauenküche, die in einem vernünftigen Preis/Genuß-Verhältnis steht, ist mittlerweile nur noch schwer zu finden. Schade eigentlich, denn was gibt es schöneres, als natürlichen, unverfälschten Genuss.

Die Winzer haben es nach den dramatischen Verkaufseinbrüchen in Deutschland wieder begriffen. Das Chianti und viele seiner Weinmacher besinnt sich wieder auf seine Stärken und versucht nicht, durch übermäßigen Einsatz fremder Rebsorten mit niemals erreichbaren Größen wie Bordeaux zu konkurrieren. Warum auch, ein Chianti Classico aus Sangiovese aus der Toskana ist ein unkopierbarer Wein, so einzigartig wie ein Riesling aus Deutschland.

Und einige Gastronomen werden sich überlegen müssen, ob das Konzept der Schicki-Micki-Küche auf Dauer Erfolg bringt.

Unseren kulinarischen Abschluß begingen wir in der La Bottega 30 in Castelnuovo Berardenga, davon aber mehr in der nächsten und letzten Folge.

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